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Diese Geschichte ist Teil der offiziellen Hauptstory des PonyPasta-Wikis!

Der ihr vorausgehende Teil ist Heimkehr und der Nachfolger wurde noch nicht veröffentlicht.


Blut des Feindes und Pisse der Hunde, beschrieben und berichtet durch Lordkanzler Valarus Maetellus Eragin II. (und Zhulánya Ferazith), niedergeschrieben von Daévul dem Schreiber.

Knírvyestarë, 05.08.100018 (SZ)

Prolog

"Was für ein Haufen Zhrak[1]!", zischte ich und schlug auf meinen schwarzen Schreibtisch ein als ob ich ein Black-Pony vor mir hätte. "Warum kommt diese Hündin denn nicht? Ist ihr etwa nicht bewusst, wie bedeutend dieses Thema ist?"

"Sie ist bestimmt auf dem Weg. Es ist nicht Ilhythias Art, Treffen auszulassen. Willst du vielleicht eine Tasse schwarzen Bálan Valar? Das beruhigt dich bestimmt.", fragte mich daraufhin meine Assistentin Zhulí. Eine ruhige und freundliche Seele, mit der ich vielleicht etwas zu oft harsch umging. Ich bejahte daraufhin und bereitete mich schon seelisch auf das Treffen mit Argis Ilhythia vor. Es ging um die Endlösung der Nosalari, wie ich sie nenne. Daerontreue Hunde, die alle einer ominösen Persönlichkeit folgen, die Valyrinír oder equestrianisch Schattenprinz genannt wird und überall im Reich für guerilliaartige Gewaltexzesse im Namen Daerons sorgten. Daher bedurfte diese Problematik einer sehr schnellen Lösung, welche leider durch Ilhythias Inkompetenz behindert wurde.

Als sie dann endlich mit zwei muskulösen Elitekämpfern aus der Gâldinarma[2] bei mir eintrat, warf ich ihr ein finsteres Lächeln zu. Ursprünglich wollte ich sie nur mit einem dunklen Blick strafen, aber als ich dann ihre Leibwächter sah, bemerkte ich, dass sie Angst vor mir hatte. Und das brachte ein Lächeln über mein Gesicht.

"Also, wie viele Truppen könnt ihr mir entbehren, Argis?", fragte ich sie mit einem spöttischen Unterton in der Stimme. Sie antwortete, was mir eigentlich schon von vorneherein klar war:"Ich denke, zwanzig Mann sollten genügen, so viele Rebellen sind es wahrscheinlich nicht. Sie stehen in den Kasernen für euch bereit, wenn ihr ausrücken wollt"

Und da war schon wieder der Punkt, an dem ich sie hätte aus dem Fenster werfen sollen. In Anbetracht ihrer Leibwächter jedoch verkniff ich mir die Freude und hakte schnippisch nach:"Warum glaubt ihr das?".

"Damals in Nácrázhûl haben es schließlich auch nur vier Männer geschafft, drei riesige feindliche Schiffe von den Noran-Inseln abzuwehren! Gerade ihr solltet das doch wissen", erklärte sie sich. Ich antwortete:" Nur weil der Vater eures Mannes, mein Großvater und zwei Andere große Helden waren, heißt das nicht, dass ihr Recht habt. Ich fordere weiterhin mindestens eine Kompanie!", winkte ich ab und ließ meinen Ekel über ihre Worte in meinen Sätzen mitschwingen.

Sichtlich eingeschnappt huschte sie mit ihren zwei Leibwächtern aus meinem Büro und schien einzusehen, wie dumm sie eigentlich ist. Ich grinste und meine Assistentin kam hereingeschneit. "Ist sie auf eure Forderungen eingegangen?", fragte sie neugierig.

"Nein, und das ist auch gut so. Ich würde doch kein solches Selbstmordkommando da reinschicken! Das soll ruhig einer der anderen adligen Hunde machen. Wie Varius, dieser Hundesohn! Er hat versucht, sich meine Arena unter den Nagel zu reißen. Ich konnte ihn nur durch seine korrupten Gehilfen ausbremsen! Der müsste mal enthoben werden! Da kommt mir eine Idee: Zhulí, glaubst du, auf Druck von Safira gibt Ilhythia nach?"

"Ich weiß nicht. Es geht schließlich um Argis Ilhytia Gâldin, die Herzogin von Maraîn, der Provinz mit der größten Armee des Schattenreichs! Ich weiß nicht, ob Safira eher auf sie hört.", warnte sie mich.

"Zhulí, erstens ist ihr Mann der Fadenzieher hinter den Truppen und sie bekleidet das Amt nur, weil er es nicht wollte. Und zweitens lässt sich bei einem so radikalen Thema wie den Rebellen gut mit Safira reden. Und drittens bin ich der Lordkanzler, dass heißt ja auch schon was!", lachte ich und zog mich in mein Zimmer der Schwarzfeste zurück.

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Am nächsten Tag fand auf meine Bitte hin eine Ratssitzung statt und ich wartete schon sehnsüchtig auf die anderen Kleingeister, die jedoch alle 20 Minuten zu spät kamen. Zum Wohle aller verkniff ich mir einen finsteren Kommentar und setzte mich vor Safira auf meinen Platz und eröffnete die Sitzung direkt mit meinen Wünschen.

"Ar-Zaroi!", fing ich an "Ich unterhielt mich gestern mit der Argis Ilhytia und leider wollte sie mir nur zwanzig Soldaten geben, um das Rebellennest südlich Oblivions auszuräuchern. Zwanzig Familien, ihrer Väter und Männer beraubt. Zwanzig Todespriester, die unter der massiven Überzahl der Nosalari[3] sterben würden. Aber Ilhytia lebt scheinbar in einer Welt, in der alle Ausgeburten ihrer Dummheit keine Krüppel, sondern nützliche Werkzeuge sind und demnach dieses Himmelfahrtskommando glatter über die Bühne gehen wird als ihre Freier in sie selbst! Ich sage euch.."

"Lordkanzler, zügelt euch!", zischte es von oben und Safira sah mich direkt an. Also wies ich meinen Hass zurück und trug meine Bitte legitim dem Rat vor. Reges Getuschel war die Folge.

"Das ist doch nur Propaganda! Dieser alte Mann weiß doch nicht mal mehr, was wahr und falsch ist!", donnerte es aus Ilhytias Mund.

"Ilhythia. Wisst ihr, in Nácrázûl haben wir ein Sprichwort: Macht und Alter definieren keine Weisheit. Und wisst ihr auch, was das bedeutet? Ich bin in der Lage, rational Dinge zu beurteilen. Und ihr nicht. ", stichelte ich und erntete ein befriedigendes kleinlautes Schweigen von Ilhytia, woraufhin der ganze Rat wieder lautstark zu diskutieren begann. "Ich stimme Valar zu. Er arbeitet schon seit Wochen an der Beseitigung dieser Rebellen, also überlasse ich ganz ihm die Befehlsgewalt. Argis, seid doch so freundlich und gebt dem Lordkanzler die Kompanie, die er benötigt. Die Sitzung ist geschlossen!", urteilte Safira und schenkte mir mit dem entrüsteten Gesicht Ilhythias eine weitere schöne Erinnerung, die ich an schlechten Tagen hervorholen konnte.

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Ich empfing die Truppe morgens früh um acht vor den Stadttoren und begutachtete sie. Sie waren nicht besonders kampferfahren, und waren erst seit einem knappen halben Jahr im Dienst, sodass mir der Unteroffizier erst die Stärken der Truppe näherbringen musste, bis ich sie akzeptiert hatte und mit ihnen abmarschierte.

Das Rebellennest lag etwa 20 Kilometer südlich der Stadt in einer Wachturmruine aus Zeiten von König Vaomin II., dem letzten König vor Daeron. [Ich selbst habe ihn damals in meiner dunklen Euphorie mit einigen anderen Salari in Schutt und Asche gelegt. Im Nachin betrachtet eine schreckliche Tat, die Wachposten saßen ja noch drin.]

Wir erreichten die Ruine kurz vor Sonnenuntergang und ich wies die Soldaten an, sich bedeckt zu halten, bis mein Befehl kam. Drei Aufklärer mit Einhorn wies ich an, mit ihrer Magie die Anzahl der Feinde zu schätzen und mir sofort Bericht zu erstatten.

"Lordkanzler, es befinden sich rund 80 Rebellen in dem Turm, von denen 20 wach sind und Wache halten. Die Wachposten sind allesamt auf dem Turm platziert, nur zwei da vorn bewachen den Eingang", erklärte mir einer der Aufklärer. "Denkt ihr, es ist eine Falle?"

"Nein. Ich denke eher, dass es Dummheit und ein strategisch unbegabter Anführer sind. Ubd selbst wenn müssten wir sie nutzen", winkte ich ab und wandte mich den Truppen zu "Wir werden die vorderen Wachposten mithilfe dieser Pfeile hier betäuben. Daraufhin werden diese vier Soldaten die unschädlich gemachten Feinde in den Transporter werfen. Anschließend fesseln wir schnell die schlafenden Rebellen und erledigen am Ende die Wachposten auf dem Turm. Verstanden? Ich will sie lebend haben!"

"Sir, jawohl, Sir!", bestätigten die Soldaten im Chor und begannen mit der Arbeit. Und weil ich nicht der beste Autor für Kampfszenen bin, denke ich, dass es reicht, wenn ich berichte, dass mein Plan ohne Verluste mit ein paar Verletzungen aufging. Die Gefangenen wurden danach in den Gralaris, die alte zu einem Gefängnis umfunktionierte Festung Phadons, gebracht, um sie einzusperren, bis über ihr Schicksal entschieden war.

Kapitel I

Nachdem ich gestern mithilfe einiger Truppen das kleine Rebellennest ausgeräuchert hatte, war es nun meine Aufgabe, ihren Rädelsführer zu verhören. [Ich weiß, man sagt mir nach, ich könne keinerlei Folter ertragen. Aber ich kann lediglich nicht die morbiden Salaegai [4] ertragen, mit denen sich Phadon in dieser Festung ausgelebt hat.]

"Wo ist euer Anführer?", fragte ich ihn eindringlich, erntete aber nur ein stures Grunzen. Daraufhin schlug ich ihm ins Gesicht und wiederholte meine Frage: "Wo ist euer Anführer?"

"Das weiß niemand. Wir sind nur ein selbstorganisierter Trupp der Bew..", wurde er durch einen festen Schlag unterbrochen. "Ich habe keinerlei Interesse an den Ausflüchten eines machtlosen Wurms! Entweder sagst du mir, wo sich euer Valyrinír versteckt und ich belasse es sanft. Oder..."

"Oder was?", spuckte dieser Hundesohn und grinste mich noch frech an. Aber ich wusste, was ich zu tun hatte. Oder eher, womit ich es zu tun hatte. "Also gut, du Hund, schau her", sprach ich und holte ein kleines blutverschmiertes Buch aus einer Vitrine an der Wand hervor."Das hier ist ein kleines Souvenir von Phadon. Soll ich dir zeigen, wie es funktioniert?"

"Ich habe keine Angst vor euch."

Ich lächelte "Du würdest dich wundern, wie fürchterlich ich sein kann. Sagna Vâl-Akiri!", donnerte ich und ließ sein Blut durch Blutmagie langsam durch seine Augen austreten [Eine der bewährtesten Foltermethoden Phadons übrigens.]. Nach gefühlten drei Minuten hatte sich eine glänzende Lache auf dem Boden gebildet und ich ließ kurz von meinem Zauber ab. "Wo ist euer Schattenprinz? Oder sollte ich lieber Akâvir Daeraël Eternin sagen?"

Aus seinem Blick las ich, das ich Recht hatte. "Wo versteckt er sich? Willst du es mir verraten? Oder muss ich eine neue Seite aufschlagen und vielleicht...deine Knochen vergößern, bis du einfach platzt?"

"Töte mich einfach. Mein Leben hat keinen Sinn mehr...das blaue Banner wird ohne mich fallen..", röchelte er, biss schnell zu, zuckte kurz herum fiel tot nach hinten über.

Ich hasse Selbstmörder.

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Nach dieser Zeitverschwendung zog ich mich in meine Gemächer zurück, wo mich bereits Zhulí mit einem Haufen Papier erwartete. "Das hier sind die insgesamten Informationen, die über die Rebellen beim Turm vorhanden sind. Es sind jedoch alles nur irgendwelche Schatten, die ehemals unter Daeron standen und keinen Bock auf Safira haben, nichts Auffälliges. Aber egal, habt ihr etwas aus dem Anführer herausbekommen können?"

"Nein", antwortete ich und befahl ihr mit einem simplen Zwinkern, mir etwas zu trinken zu holen. "Nichts, dass wir nicht schon wüssten. Außerdem hat er sich nach relativ kurzer Zeit mit einem noch unekannten Gift ermordet. Ich schätze mal Hórinpulver oder Sheogari-Blüten, aber es ist mir auch egal. Wir stehen wieder am Anfang und können nur spekulieren, dass es sich beim Valyrinír um Akâvir handelt."

Zhulí setzte wieder ihr dämliches Trostgesicht auf und machte Anstalten, mich aufzumuntern. Dafür hatte ich jetzt aber überhaupt keinen Nerv und ignorierte sie einfach, bis sie abließ und mir endlich eine Tasse Bálan an meinen Tisch brachte. "Dieser räudige Bastard", zischte ich und starrte auf den lodernden Kamin "Ich hätte ihn damals töten sollen, als ich noch die Gelegenheit dazu hatte. Ganz schnell, mit einem Messer im Hals. Oder einem Feuer in seinem Gemach. Aber nein, die Lords waren ja wichtiger und gefährlicher! Voldo, ein wahnsinniger Sadist, der am Ende nicht einmal mehr zwischen tot und lebendig unterscheiden konnte. Parados und Paratas, ohnehin schon längst durch fähigere Intriganten entmachtet und all ihrer Kraft und Würde beraubt! Galdur, dem sein eigenes Schwert und Rüstzeug zu schwer wurden! Phadon, der tagein tagaus in seiner Festung saß und folterte! Die alle mussten ja zuerst dran glauben. Aber Daerons engster Vertrauter? Nein, nicht im Traum!", schimpfte ich über mich selbst und warf die Unterlagen wütend ins Feuer.

"Wie immer?", fragte Zhulí und reichte mir meine kleine rote Schachtel.

"Genau", antwortete ich und löste mich mit einer Ladung Paex von meinen irdischen Sorgen.

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Ich erwachte später tief in der Nacht in meinem eigenen Gemach der Knírvyesta[5]. Zeitweilig hatte ich sogar alle Probleme vergessen und sonnte mich im Schein meiner Sorglosigkeit, bis es unverhofft an meiner Tür klopfte. Da ich nächtliche Besuche hasste, ignorierte es das Klopfen. Nach einigen Minuten etwa verstummte es, doch ich freute mich zu früh. Denn nach einem kurzen Klicken des Schlosses stand auch schon mein nächtlicher Gast im Schein meiner Wandfackeln. Sichtlich entnervt krächzte ich: "Wenn es nichts Wichtiges ist, verpiss dich. Oder ich hetze dir die Wachen auf den Hals".

Wortlos trat er vor und lüftete seine Kapuze. Zu meiner Verwunderung war es kein Hengst, wie ich zunächst wegen der breiten Proportionen angenommen hatte, sondern ein weiblicher Valyr mit spitzen Flügeln, violetter Mähne und spitzen Zähnen. Insbesondere ihre hellblau glitzernden Augen zogen meine Aufmerksamkeit auf sich, als würde sie damit meinen Geist durchbohren und meinen Blick verhaken. Mir war, als hätte ich sie schon einmal gesehen.

"Es ist wichtig", unterbrach sie ihren Bann mit rauher Stimme. "Mein Name ist vorerst noch unwichtig, nenn mich einfach Vulture. Du hast heute einen Gefangenen verloren, stimmt das?"

"Warum sollte ich dir das anvertrauen?", zweifelte ich und übernahm direkt das von ihr ausgegangene Duzen.

"Ich könnte dir helfen, seinen Anführer zu finden. Du musst mich nur zu seiner Leiche bringen."

Ich vertraute ihr jedoch trotzdem nicht und verweigerte es ihr, bis sie mir eine Klinge an den Hals drückte und grinsend "Jetzt?" flüsterte. Notgedrungen führte ich sie dann über viele Treppen in das Leichenschauhaus unterhalb der Schwarzfeste. Dort angelangt öffnete ich die Tür zu einem der Räume und zeigte ihr den Leichnahm, der schon aufgeqollen war und fürchterlich stank.

"Perfekt!", stieß Vulture beinahe freudig aus, schnitt innerhalb von Sekunden den Kopf meines Folteropfers auf, wühlte euphorisch in den Innereien herum und murmelte ...Mazal...nein, da ist kein Nachname...so jung, aha....Oblivion, Smaria, Vûlt...eine Höhle, südlich des Astralis...eine Gruppe mit Kind, nein...es ist jemand anderes...Glänzende Augen... Warum sind die Erinnerungen dieses Schattens nur so lückenhaft?", wandte sie sich wieder an mich und erwartete eine Antwort.

Ich, paralysiert und fasziniert zugleich, konnte vorerst nur schweigen. Wer war dieser Schatten? Und warum wusste sie diese Dinge? Log sie mich etwa an und manipulierte mich?

"Oh, ach ja. Ich bin übrigens in der Lage, Dathvisia anzuwenden.", schnitt sie erneut durch meine wirbelnden Gedanken "Ich kann die Erinnerungen und Eindrücke aus Eingeweiden lesen. Und wenn du mir jetzt noch eine ausführliche Karte von Tírdas gibst, kann ich dir sagen, wo unser toter Freund hier seine Order empfangen hat"

Immer noch verwundert über diesen geheimnisvollen Schatten führte ich sie in die Bibliothek und gab ihr einen Atlas des Reichs, der ihr eigentlich die erforderlichen Informationen liefern müsste. Wie kann ich nicht beschreiben, aber langsam beschlich mich das Gefühl, dass mir "Vulture" noch nützlich sein würde. In ihren blassen blauen Augen schimmerte nämlich keine Lüge, sondern nur die Wahrheit, wie eine blühende Insel in einem tosenden Meer.

"Da! Ich hab es!", frohlockte Vulture freudig, umkreiste mit einem Stift schnell eine Stelle aus dem Buch, riss die Seite harsch heraus und zerrte mich in mein Gemach zurück, wo Zhulí schon an ihrem Schreibtisch wartete. Ich warf ihr lediglich einen bösen Blick zu, weil ich wusste, das sie diesem Schatten Eintritt verschafft hatte. Ihre Augen verrieten es. "Warum?"

"Na ja, ihr seid so bei euren Ermittlungen hängengeblieben, dass ich mich entschlossen habe, euch Hilfe zu verschaffen. Und weil ihr einen solchen Vorschlag ohnehin abgeschmettert hättet, habe ich es so arrangiert. Aber wir haben jetzt Informationen! Oder?", erklärte sich Zhulí.

"Zu deinem Glück ja. Aber bist du dir denn sicher, dass sie vertrauenswürdig ist?", warf ich ihr vor und deutete auf Vulture, scheinbar wieder von ihrem apathischen Bann befreit.

"Entweder Sicherheit ohne Fortschritt oder Risiko mit Ergebnissen. Was glaubt ihr wäre besser?", konterte sie mich aus. Ich lächelte. "Du lernst schnell. Aber egal, was für einen Ort hast du jetzt ausfinding gemacht?"

"Eine alte Mine, weit südlich von De-Vulum. Etwa 200 Meilen von hier aus.", schaltete sich Vulture ein. Zuerst haderte ich mit dem Gedanken einer Unternehmung, die allein auf den Worten einer Fremden fußte, doch kaum blickte Vulture mich wieder mit diesen blitzenden Augen an, lösten sich die Zweifel auf.

"Ich organisiere das morgen. Und ihr kommt beide mit. Du, weil du mich hintergangen hast, und du, weil deine Fertigkeiten hilfreich sein könnten! Außerdem hasse ich es, zu töten, ohne das es jemand miterlebt.", beendete ich, scheuchte sie beide wieder aus meinen Gemach heraus und legte mich schlafen. Ob Vulture bei oder mit Zhulí schlief oder eines anderen Schlafplatzes bedurft hätte, war mir jedoch vollkommen egal.

Kapitel II

Die Energieregeneration meines Schlafes hielt sich diese Nacht in Grenzen, sodass ich am nächsten Morgen der völlig in Aufregung verfallen Zhulí erst nach einem großen Kelch erlesensten Gadhvals[6] folgen konnte. Ich hörte ihren Vorstellungen jedoch ohnehin nur auf einem Ohr zu, weil ich mir im Kopf schon die Erklärung für Safira zurechtlegte. Da es aber um die Ermittlungen gegen die Neosalari ging, war ich sehr zuversichtlich, dass sie mir alle Türen dafür öffnen würde.

"...und ja, das müsste es gewesen sein! Ich war nämlich so frei, uns schonmal eine Transportmöglichkeit zu organisieren. Mit Verpflegung, Schlafmöglichkeiten, alles!", ratterte mir Zhulí vor und bekam stetig ein simples "In Ordnung" von mir zurück, bis sie dann wieder in ihrem Papierkram versank und ich mich Safira zuwenden konnte.

Als ich mich dann auf den Weg in ihren Thronsaal machte, fing mich vorher jedoch noch Ilhythia ab und segnete mich mit ihrem typischen starren, bestimmten Blick. Sie war aus der Nähe gar nicht mal so hässlich. "Glückwunsch zu euren Erfolgen!", lachte sie mich zu meiner Verwunderung an, führte mich ohne weitere Worte in ein kleines Beratungszimmer und machte Anstalten, mit mir etwas bereden zu wollen.

"Was wollt ihr?", wies ich sie und achtete tunlichst darauf, von meinen "Erfolgen" abzulenken. Ich wusste nämlich noch nicht, welche Intentionen Ilhythia verfolgte.

"Gar nichts, nur euren Segen", sagte sie und zwinkerte mich mit ihren hellvioletten Kristallaugen an, "Ich weiß, dass ihr erhebliche Fortschritte bei den Ermittlungen gegen den Schattenprinzen gemacht habt und daher für eine gewisse Zeit außerhalb Oblivions agieren müsst. Demnach benötigt ihr einen Stellvertreter in Oblivion, der euren Posten als Lordkanzler während eurer Abwesenheit wahrnimmt, nicht wahr?"

"Nicht unter tausend Peitschenhieben. Dagolis Knírzá ist mein Stellvertreter, und allein er wird meine Macht temporär nutzen, nicht ihr.", winkte ich ab.

"Dagolis Knírzá ist tot. Wahrscheinlich wurde er von Rebellen während der letzten Nacht ermordet und die Leiche beseitigt. Sein Gemach war ein einziges Schlachtfeld voller Blut und Hautfetzen. Tragisch, nicht?", hauchte sie trocken und schien sich über meine plötzliche Bestürztheit zu amüsieren. "Es scheint, der Rat muss jemand Neues erwählen. Oder nein, dass hat er schon! Gestern in einer kleinen Notsitzung."

"Wieso weiß ich nichts davon?", zischte ich sie entrüstet an.

"Das kann ich nicht genau sagen, aber ich schätze mal", antwortete sie und begann zu flüstern "Ihr habt wieder zu lange in eurem inneren Frieden geschwelgt und wart nicht aufnahmefähig. Tja, aber wir konnten nicht auf euch warten, es war zu dringend."

"Und wer ist es?", fragte ich mit düsterer Vorahnung und wurde durch das strahlende Grinsen Ilhythias bestätigt. "Wir sehen uns. Lordkanzlerin.", keifte ich und verließ unter bohrenden Blicken aus Triumph und Schadenfreude schnell den Raum und eilte zu Safira, die mir jedoch ohne weitere Worte ihre Zustimmung gab und mich flugs wieder abwies.

Ar-Honoris, ferarne valekh mira zithanez! O Honoris, bring Stärke in mein Herz!

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Ich persönlich glaubte nicht daran, dass es dumme Rebellen fertigbrächten, Dagolis umzubringen. Denn seine Fertigkeiten waren im Vergleich zur "Kampfkunst" der Rebellen am Wachturm legendär und keiner der Rebellen hätte sich gegen ihn behaupten können. Selbst, wenn sie sich alle gleichzeitig auf ihn geworfen hätten.

Daher schenkte ich Ilhythias Worten wie gewohnt kein Vertrauen und suchte nach wahren Motiven und wahren Tätern. Zuerst kam mir natürlich Ilhythia selbst in den Sinn - auf meinen Posten hatte sie es schließlich schon immer abgesehen und auch nie Mittel gescheut, die ihre Macht erweitern würden-, aber es machte trotzdem keinen Sinn. Warum sollte jemand Ungeduldiges wie sie so lange warten, eine Chance zu ergreifen? Die Rebellen waren schon eine beträchtliche Zeit am Werk und sie hätte jederzeit Dagolis töten [lassen] können. Mich hätte sie danach abgesetzt und meine Stellung angenommen. Aber wenn dies wirklich Ilhythias Absichten waren, warum begann sie damit erst jetzt?

So sinnierte ich eine Zeit lang in meinen Gemächern weiter, bis mich Zhulí mit einem versiegelten Dokument aus den Gedanken riss. "Es fehlt noch euer Siegel, damit ich den Transort in eure Rechnung und somit in die Wege leiten kann"

Ohn ein Wort zu sagen, schnappte ich mir langsam mein Siegel, drückte die parallelen Flügel in das heiße Wachs und gab Zhulí die Urkunde zurück. Und besiegelte damit eine Blutreise, wie sie es seit Daeron nicht mehr gegeben hatte.

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Am nächsten Tag war es dann soweit und Vulture, Zhulí und ich machten uns, mit versteckten Waffen, in einem schwarzen Zug auf dem erst vor einigen Monaten fertiggestellten (wenn auch noch rudimentären) Eisenbahnnetz nach Richtung Süden auf. Denn die Höhle, die Vulture beschrieben hatte, lag tief im Südosten des Reiches, fernab von irgendeiner Metropole und jeglicher Zivilisation. Im Herzogtum Vinyása, um genau zu sein. Aber außer der "Hauptstadt" De-Vulum, die mehr und mehr verfällt und einigen verstreuten Dörfern existiert dort lediglich nur Steppe, bis man im im tiefsten Süden auf die Azhraysár, die Roten Berge, trifft. [Und ich habe noch nicht von vielen gehört, die diese tückischen Höhen mit zunehmender Wasserknappheit überlebt haben.]

Eigentlich ist es auch falsch, noch von einem Herzogtum zu sprechen, da der letzte Herzog und sein einziger Sohn schon in den frühen Schattenschlachten brutal abgeschlachtet wurden. Die Führung, die sich nach deren Ableben zusammensetzte, war jedoch eine unglaubliche Katastrophe. Die Wirtschaft stagnierte langsam und die Menschen begannen fürchterlichen Hunger zu erleiden, bis schließlich der Großteil der Bevölkerung in andere naheliegende Regionen wie Maraîn im Westen zog und das kleine Reich mehr und mehr in die Verwahrlosung trieb. Es heißt, dass der letzte Herrscher der Stadt, Pagaron I., zuletzt der einzige Einwohner gewesen sei und die letzten Jahre seines Lebens allein in seinen verfallenden Hallen verbracht hätte. Und einige glauben sogar, dass sein Geist immer noch dort umginge und jeden aufhält, der es wagen sollte, in seine Stadt zu gehen. Ich hielt es für Schwachsinn.

Aber um nun wieder auf die eigentliche Reise zurückzukommen: Von Oblivion fuhren wir zuerst nach Quiríd im nahen Südosten, dann gerade weiter nach Anaesia und nahmen danach den letzten Zug nach Smaria. Dort endete nämlich das Schienennetz in den Süden. Wenn man nun, so wie wir, weiter in den Süden wollte, musste man ziemlich lange wandern. De-Vulum lag etwa drei Tagesflüge entfernt, und die Höhle dahinter noch einmal zwei weitere Tage. Und auch, wenn Zhulís Proviantrationen lange haltbar und ausreichend waren, ließ mich die Aussicht einer längeren Reise durch die feuchte Hitze des Südens missmütig werden und ich bereute es schon ein bisschen, nicht einfach einen Trupp geschickt zu haben. Aber wenn ich Glück haben sollte und Safira den Kopf des Schattenprinzen präsentieren könnte, würde allein Illhythias gedemütigt paralysiertes Angesicht alles wert gewesen sein.

Ich wünschte nur, sie hätte etwas mit der Entführung von Dagolis zu tun. Ich würde alles für diese dreckige und geschundene Valyr in den Kerkern der Schwarzfeste geben, die nichts mehr täte außer grimmig zu fauchen und an den Fesseln zu zerren. Aber das liegt nicht in ihrer Natur, so dumm ist sie nicht. Und auch, wenn es nur eine Vermutung ihrerseits war, wurde ich das beschleichende Gefühl nicht los, dass die Rebellen tatsächlich etwas damit zu tun hatten und ich hoffte inständig, dass ich nicht den massakrierten Körper meines Vizekanzlers in dieser Höhle vorfinden würde.

Aber vorerst stapfte ich nur missmutig mit meinen zwei Gefährtinnen der roten Sonne entgegen und versank vollkommen in meinen Gedanken.

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Unser Lager schlugen wir für die erste Nacht auf einer kleinen Lichtung innerhalb eines namenlosen Waldes auf. Die Bäume dort waren größer als alle, die ich bisher zu Gesicht bekommen hatte, und strotzten nur so vor roten fleischigen Blättern, die den Baum einem Tannenzapfen gleich umhüllten. Nur der unterste Teil des Stammes, vielleicht zweieinhalb Meter hoch, war von Ästen und Blättern frei und bot dem Auge den Anblick von wunderschöner orange-brauner Rinde, die sich fast vollkommen glatt um den Stamm wand. Viel Schatten boten sie trotz ihrer immensen Größe jedoch nicht, da die Bäume hier wesentlich versetzter und separierter standen als es in einem normalen Wald der Fall wäre. Etwa auf einen Radius von fünf Metern kam vielleicht ein einzelner Baum, und weit gefächert waren die Blätter auch nicht.

Ganz fasziniert hatte ich mir, unter Zuhilfenahme des schärfsten Messers aus unserer Ausrüstung, einige Blätter von einem der Bäume abgeschnitten und näher untersucht. Sie waren voller Wasser! Zwar verteilt auf viele kleine Kanäle innerhalb des Blattes, aber für einige gute Schlücke reichte es vollkommen aus! Ich muss mindestens zehn Minuten wie paralysiert auf diese Blätter gestarrt haben, denn als ich wieder aufsah, war die Sonne schon hinterm Horizont verschwunden, das Kochgeschirr ordentlich aufgestellt und ein Feuer entfacht worden. Zhulí saß davor, während Vulture an einigen Blättern knabberte und offensichtlich etwas mehr Ahnung von diesen Wunderbäumen hatte als ich. Daher setzte ich mich mit meinen säuberlich sezierten Blättern neben sie und fragte sie nach dem, was sie darüber wusste.

"Du bist ein großer Freund der Natur, nicht wahr? Ich bin schon öfter durch den Royn[7] gereist, doch niemand hat mich bisher nach diesen Bäumen gefragt. Nach Gruselgeschichten über De-Vulum? Immer. Aber niemals über diese Jungs hier!", lachte sie und patschte auf meinen Blättern herum. "Sie werden Xiradalla genannt, die Fleischbäume. Ihre Wurzeln reichen tief, unglaublich tief, und jedes bisschen Wasser, das sie durch seltenen Regen oder den Untergrund aufnehmen, wird zum Großteil in diesen fleischigen Blättern gespeichert, wie du eben schon selbst herausgefunden hast!"

Ich hasste es, wenn sie mit mir wie mit einem Kind sprach, aber um meine Neugier zu befriedigen, ließ ich sie einfach weiterreden. "Die ursprünglichen Bewohner des Südens, die Kilindri, haben diese Bäume wie Halbgötter verehrt und sahen sie als Augen Diarons. Ihre Wurzeln, so nahmen sie an, würden bis in die Tiefen des Knírmún hinabreichen und dort einen gewaltigen Baum speisen, der in einer Sprache spricht, die nur Diaron selbst versteht. Sie nannten ihn Paštraf, was soviel wie 'Großer Baum' bedeutet und stellten ihn sich als die irdischen Augen Diarons vor, der ihm fortwährend über alles Bericht erstatten würde, was innerhalb seinem Blickfeld läge. Deshalb stehen viele dieser Bäume in den großen Städten Vinyásas. Jeder Herrscher wollte die Augen seines Gottes auf ihn gerichtet haben. Der Größte dieser Bäume, der übrigens Paštravne, also 'Kleiner Paštraf', heißt, steht übrigens vor dem Palast in De-Vulum."

Ich war überrascht, dass Vulture Dinge wusste, über die ich rein gar nichts wusste. Und ich kenne viele geheime und alte Orte, dazugehörige Rituale und Artefakte, die dem gewöhnlichen Schatten das Blut in den Adern gefrieren lassen würden. In mir machte sich erneut der Wunsch breit, Vultures wahre Identität zu kennen, doch von einer Sekunde zur nächsten verflog es wieder, nachdem sie mich nur ganz kurz mit ihren kristallinen Augen angesehen hatte. Aber ich wurde ohnehin von der euphorischen Stimme Zhulís aus meinen Gedanken gerissen, die lauthals verkündete, das Abendmahl angerichtet zu haben.

Es gab eine Art Eintopf, der zum Großteil aus kleingeschnittenen Stückchen dieser roten Blätter, Karotten und Kartoffeln bestand. Zudem hatte Vulture darauf bestanden, nur das Wasser aus den Blättern dafür zu verwenden, da es bei Erhitzung ungeahnte Aromen hervorrufen würde. Und sie hatte recht! Ich habe zwar schon an den Festtafeln Daerons gesessen und die erlesensten Gerichte verspeist, doch niemals habe ich dabei einen so wundersamen Geschmack verspürt. Würzig und scharf, doch es brannte nur, wenn man es noch im Mund hatte. Denn mit dem Herunterschlucken verschwand die ganze Schärfe augenblicklich.

Alles hier war so neu und faszinierend. Ich fragte mich, warum es in den ganzen Bibliotheken der Knírvyesta so gut wie keine Informationen über dieses Land gab. Natürlich, es gab ganze Regale voller Annalen der nördlicheren Herzogtümer, in denen jede noch so winzige Information aufgelistet war. Ein Buch widmete sich sogar allein dem Sammeln von Portaits der schattischen Großkönige! Aber nichts über diesen verfluchten Süden. Und über den hier ehemals ansässigen Stamm der Kilindri existiert neben vagen Erzählungen, Fragmenten ihrer Sprache und spärlichen Chroniken, die das Leben unter der oblivionesken[8] Herrschaft darstellen, auch nichts weiter. Vielleicht liegt es daran, dass Vinyása kein besonders bedeutendes Herzogtum war, aber wie genau ist dann die Metropole De-Vulum entstanden? Ist es eine alte Kilindri-Hochburg gewesen, die von den Schatten Oblivions annektiert worden ist? Wurden sie alle vertrieben und diese Tatsache bis heute totgeschwiegen? Oder ist dabei etwas ganz Anderes im Spiel?

Und unter immer mehr bohrenden Fragen, die ich mir selbst stellte, fiel ich allmählich unter den roten Blättern der Fleischbäume in einen tiefen Schlummer und fühlte mich das erste Mal seit langen Jahren wieder sicher.

Kapitel III

Der süße Duft der saftigen Blätter weckte mich am nächsten Morgen sanft auf und ließ mich den Tag mit einem Lächeln beginnen. Zu meiner Verwunderung jedoch hatten sich die Bäume verändert. Die Blätter waren nicht, so wie am vorherigen Tag noch, fast senkrecht zum Stamm geneigt, sondern streckten sich nun so weit wie möglich davon weg und tauchten unser Lager in einen angenehm warmen Schatten. Das Feuer war schon längst verloschen, und Zhulí und Vulture schliefen noch tief und fest. Daher beschloss ich, mir diese Bäume noch einmal genauer anzusehen.

Daher ging ich ein Stück um unseren Lagerplatz herum und begutachtete die Äste der Fleischbäume. Sie bewegten sich! Und nicht durch den Wind oder Derartiges, sondern ganz von allein, als wären sie wahrhaftig am Leben! Beinahe apathisch beobachtete ich den langsamen Rhytmus der schwingenden Äste. Ich hätte diesem Schauspiel den ganzen Tag zusehen können, hätte mich nicht Zhulí, wie so oft schon, aus meinen Gedanken gerissen. "Lordkanzler, es wird Zeit zum Essen. Kommt, es gibt eine Neuheit auf dem internationalen Markt zu verspeisen!"

Und so aß ich zum Frühstück eine Art getrocknetes hartes Brot, das genauso schmeckte wie es klingt. Zhulí erzählte mir, dass es ein unglaublich erfolgreiches Importprodukt aus Equestria sei, das extra für Reisende hergestellt würde und bedingt durch die lange Haltbarkeit getrocknet worden war. Offiziell hieß es wohl Reisebrot oder so etwas, aber in dieser Hinsicht hatte ich ihr nicht mehr zugehört. Denn im Vergleich zu dem, was man aus den Blättern dieser Bäume zaubern konnte, war dieses Brot noch unschmackhafter als die nicht verdaubaren Eintopfreste. Aber man muss eben nehmen, was man bekommt.

Und nachdem wir unser Lager abgebaut hatten und ich mir ein paar rote Blätter eingesteckt hatte, wanderten wir direkt los und flogen geradewegs nach Südosten weiter. Unter uns zogen sich endlos lange trockene Steppen und leichte Hügel hin, während sich die Gipfel der Azhraysár im Süden immer höher auftürmten und uns rot schimmernd zu grüßen schienen. Vereinzelt erspähte ich auch hin und wieder kleine Fleischbaumwälder, die wie rote Teppiche auf der blassgrünen Landschaft lagen und meinen Blick in ihren Bann zogen. Und auf diesem Flug schwor ich mir, sie bei Gelegenheit näher zu erforschen.

Etwa gegen zwei Uhr nachmittags machten wir eine Mittagspause auf einem höheren Hügel, dessen Kuppel etwas abgeflacht war und einen guten Rastplatz bot. Weit im Süden erspähte ich einen wesentlich größeren Ukšra (nach Vulture die kilindrische Ensprechung von "Fleischbaumwald"), der sich durch noch größere Bäume und unterschiedlich farbene Blätter hervorhob. In allen anderen Richtungen jedoch erstreckte sich nur karge Steppe, die mit dem Horizont zu verschmelzen schien und dem Auge nichts als ein formloses Nichts bot.

Vulture meldete sich nach dem mittäglichen Mahl von unserer Gruppe ab und verschwand für einige Stunden in der Wildnis des Südens. Sie begründete es damit, die vor uns liegende Strecke auskundschaften und damit möglichen Gefahren vorbeugen zu wollen, Aber auf meine oder Zhulís Antwort wartete sie nicht erst, sondern wand sich direkt von uns ab, als seien wir ein Anwesenheitskontrolleur aus den tiefen Rauchkehlen Duhrags! Aber so schlecht fand ich es im Umkehrschluss auch nicht, da ich endlich nicht mehr unter dem hypnotischen Bann ihrer bezaubernden Augen litt und mich mit Zhulí auch über sie unterhalten konnte.

"Woher kennst du Vulture, was hat sie mit diesem allen hier zu tun und ist sie vertrauenswürdig?", sprach ich sie direkt an und rang ihr einen überraschten, ja beinahe erschreckten Gesichtsausdruck ab. Zuerst starrte sie mich vollkommen perplex an, bis sie dann nach einigen sehr langen Atemzügen doch endlich ihre Stimme wiederfand. "Nun ja, sie...ich kenne sie aus der Bücherei der Schwarzfeste. Wir wollten uns beide das novaliske[9]"Sonne der Tiefe" von Dangras Nákrag ausleihen, und lernten uns dann aus den daraus resultierenden Schwierigkeiten heraus kennen. Und na ja, eines Tages stand sie eben vor meiner Tür und verlangte, euch zu sprechen. Und wie ich eben bin, habe ich sie durchgelassen und ja. Jetzt stehen wir hier!"

Ich wusste, dass sie log. Sie würde niemals Werke von Nákrag lesen, es war ihr zu verworren und zerstreut. Und dessen "Sonne der Tiefe" kannte sie nur, weil ich es für das Kronjuwel in der goldenen Krone der Literatur erachte und auch oftmals daraus zitiere. Außerdem verriet sie ein kleines goldenes Blitzen in ihrem rechten Auge, das ich als eindeutiges Indiz zu deuten gelernt hatte. Aber trotz allem war es eine gut dargestellte Lüge, und das machte mich stolz. Daher schenkte ich ihr auch ein kleines schulmeisterisches Lächeln und sah ihr in die Augen. "Du lügst besser als früher. Aber ich sehe es in deinen Augen. Sag mir schnell, was wirklich passiert ist, bis sie wiederkommt und mich unter ihren Bann schürt."

Zhulí schien sich zuerst entschuldigen zu wollen, doch scheinbar erkannte sie die Irrelevanz dessen von allein. "Nun gut. Ich bin vor einigen Wochen hinter dem Vorhang käuflicher weiblicher Liebe verschwunden, um mich...jenseits von Blumensträußen beschenken zu lassen. Und na ja, anstelle der üblichen Liebhaberinnen war nun sie da, und es kam eben eins zum Anderen. Aber wir haben danach viel geredet und auch den Kontakt gehalten. Haben uns mal verabredet, waren essen...und nein, dafür musste ich sie nicht bezahlen, das hat sie so gemacht!", nahm sie mir eine schmutzige Bemerkung aus dem Mund und freute sich in sich hinein. "Und na ja, so ein bisschen hatte ich mich auch verliebt, deshalb habe ich ihr auch vertrauliche Informationen unserer Arbeit mitgeteilt, wenn sie danach fragte. Keine Angst, nichts Besonderes. Erst als ich ihr davon erzählte, dass der Nosalariführer gestorben ist, hatte ich ihr ganzes Interesse und musste schnell für sie ein Treffen mit euch in die Wege leiten. Und den Rest kennt ihr ja."

Kurzzeitig appelierte Zhulís Unwissenheit an meine niederen Triebe und für einen kurzen Moment überkam mich ein Anflug der Angst, der jedoch augenblicklich meiner Gleichgültigkeit und inneren Phlegmatik wich. Wenn sie uns tot sehen wollen würde, wären wir es schon längst. Und falls es ihr um Wertgegenstände oder Geld gehen würde, hätte sie uns nicht in den Royn geführt und die Strecke aufgezeigt. Sie hätte höchstens versucht, einige Dinge aus meinen Gemächern innerhalb der Knírvyesta mizunehmen. Das einzige Gefühl, was mich nun noch durchströmte, war reine unverfälschte Neugier gegenüber Vulture. Und Zhulís Augen verrieten mir, dass sie selbst genauso dachte.

  1. varan. für "Scheiße"
  2. Die hauseigene Armee des schattischen Adelshauses Gâldin.
  3. Individuen, die auch nach Daerons Regentschaft noch dessen Werte und die seines Sacrité Valaru vertreten oder sie erst in neuerer Zeit annahmen.
  4. varan. für "Durch Manie heraufbeschworene Träume, Ideen und Praktiken"
  5. varan. für "Schwarzfeste"; Festung in der Mitte Oblivions und Herrschaftssitz des Schattenreiches
  6. Ein aus den Blättern der Gadhvalpflanze gewonnener koffeinhaltiger Tee.
  7. varan. "Süden"
  8. Bezeichnung für alles, was mit der Einigung und Zentralisierung des Schattenreichs zusammenhängt.
  9. Das varanische Wort Novalis bzw. das Adjetiv novalin könnte man im deutschen mit "Romantik" übersetzen, jedoch mit Bezug auf die Literatur des frühen 19. Jahrhunderts.


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